EinleitungNoch vor 20 Jahren hatten Kinder die Möglichkeit, ihre gesamte Freizeit im Freien zu verbringen. Zwar unterschied sich dabei das Spiel der Kinder in der Stadt von dem derer auf dem Land, jedoch war allen gleich, daß sie mehr oder weniger unverplante Spielräume vorfanden, in denen sie sich frei bewegen und die sie mit allen Sinnen wahrnehmen konnten. Sie hatten die Möglichkeit, ihre Umgebung zu verändern und zu gestalten. Dadurch wurde ihnen eine ganzheitliche Entwicklung gewährleistet. Vor allem die Kinder auf dem Land hatten die Möglichkeit, ihre Freizeit in und mit der Natur zu erleben. So lernten sie diese, aber auch sich selbst sowie komplexe Lebenszusammenhänge Schritt für Schritt kennen. Heute gestaltet sich kindliche Freizeit im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung in vielerlei Hinsicht anders. Zum einen ist sie immer weniger als tatsächliche Freizeit anzusehen, da die Kinder einen großen Teil der Zeit in festen Strukturen, verschiedenen Vereinen oder Einrichtungen, verbringen. Zum anderen mußte ein großer Teil der lauschigen und spannenden Plätze der Natur neuen Straßen und Wohnsiedlungen weichen, so daß den Kindern oft nur das eigene Kinderzimmer zur individuellen Entfaltung und Entwicklung bleibt. In diesem verleben sie ihre Zeit häufig allein. Durch die gesellschaftlich zunehmende Tendenz zu Ein-Kind-Familien fehlen den Kindern oftmals Geschwister oder andere Spielpartner ähnlichen Alters. Die immer weiter voranschreitende Technisierung führt dazu, daß sie den letzten Teil ihrer Freizeit vor dem Fernseher, dem Videogerät oder dem Computer verbringen. Eine solch einseitige Freizeitbeschäftigung geht einher mit der kindlichen Aneignung der Welt aus sogenannter ‘zweiter Hand’. Die tatsächlichen Interessen und Bedürfnisse der Kinder, ihr Bewegungsdrang und ihre Wahrnehmungssysteme werden immer weniger angesprochen. Den Kindern von heute fehlen ganzheitliche Bewegungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten, die vor allem in der Natur unzählig zu finden und zu einer ausgeglichenen Entwicklung und Identitätsbildung vonnöten sind. So ist es als Ziel anzusehen, den Kindern ein Stück der Natur zurückzugeben, die sie auf ganzheitlicher Basis entdecken und erfahren können, um so zu Erkenntnissen über sich, ihre soziale und sachliche Umwelt und deren Zusammenhänge zu gelangen. Der Titel dieser Arbeit, "Spielraum anders begreifen", hat demnach einen doppeldeutigen Charakter. Zum einen wird der Begriff ‘begreifen’ als Synonym für ‘anfassen’, ‘betasten’, ‘fühlen’ oder ‘wahrnehmen’ verstanden, welches sich auf die zu entdeckenden und zu experimentierenden Merkmale der Natur als Teil kindlicher Umgebung bezieht. Zum anderen veranschaulicht der Begriff die Zusammenhänge zwischen ganzheitlicher Wahrnehmung und Bewegung wie auch dem daraus folgenden Verstehen der Kinder bezüglich der sie umgebenden Umwelt. Der Titel macht die Möglichkeit der Erkenntnis gerade durch das ‘Begreifen’ in Form von ‘Wahrnehmen’ und ‘Fühlen’ deutlich. Ich gliedere die vorliegende Arbeit in drei wesentliche Bereiche. Der erste behandelt theoretische Grundlagen, die auf dieser Ebene die Notwendigkeit naturnaher Spielräume für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern im Kindergartenalter aufzeigen. Da ganzheitliches Erleben und Erfahren sowohl für behinderte als auch für nichtbehinderte Kinder gleichermaßen wichtig ist, setze ich mich nicht ausdrücklich mit der Entwicklung und Förderung behinderter Kinder auseinander. Im zweiten Bereich beschäftige ich mich mit einem von mir begleiteten Projekt, innerhalb dessen das Außengelände eines Kindergartens in Ibbenbüren/Laggenbeck (NRW) zu einem naturnahen Spielraum umgestaltet wurde. In diesem stelle ich zunächst die Forschungsstelle für Spielraumplanung aus Hohenahr-Altenkirchen (Hessen) samt ihrer Konzeption, ihren Grundgedanken und Zielen wie auch ihrer Methoden vor, da deren Mitarbeiter die Neugestaltung unterstützt haben. Anschließend zeige ich auf, wie die Umgestaltung geplant, vorbereitet und durchgeführt wurde und gebe einen Rückblick auf dieses Projekt. Der letzte Bereich dieser Arbeit beschäftigt sich mit einer von mir durchgeführten Hospitation in einem integrativen Kindergarten in Essen (NRW), dessen Außengelände vor etwa einem Jahr, ebenfalls mit Unterstützung der Forschungsstelle für Spielraumplanung, erneuert wurde. Der Einfachheit halber verwende ich bei Personen im Allgemeinen den maskulinen Terminus. Lediglich bei der Nennung der Erzieherinnen gebrauche ich die feminine Bezeichnung. |